Grußwort der Parteivorsitzenden der CDU Deutschlands, Dr. Angela Merkel
Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU in Siegen am 16.3.2002

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Roman Herzog,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Helmut Kohl,
lieber Jochen Borchert,
sehr geehrter Herr Vorsitzender des Rates,
liebe Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
lieber Jürgen Rüttgers,
liebe Gäste,


ich gratuliere dem Evangelischen Arbeitskreis. Ich bin selber Mitglied und insofern, lieber Jürgen Rüttgers, würde wahrscheinlich Konrad-Adenauer angesichts dessen, was wir gehört haben, nur noch sagen: Die Welt ist aus den Fugen.

Aber, meine Damen und Herren, es hat sich eben auch vieles getan. Dank der Christlich Demokratischen Union in Deutschland, dank der Tatsache, dass nach dem 2. Weltkrieg diese Partei ganz wesentlich aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus gegründet wurde und von Anfang an Wert darauf gelegt hat, dass es Brücken gab, Brücken zwischen den Konfessionen. Als wir 1990 in den neuen Ländern, ich selbst in Mecklenburg-Vorpommern, die ersten Schritte in die Christlich Demokratische Union und in der Christlich Demokratischen Union machten, da wussten wir über die Gründungsgeschichten und das nicht immer einfache Mehrheits- und Minderheitsverhältnis von katholischen und evangelischen Christen noch nicht so sehr viel. Aber wie immer lernt man aus eigener Erfahrung und auch aus der Erfahrung derer, die unsere Berater waren. Und ich habe in guter Erinnerung, dass in der mecklenburg-vorpommerschen CDU, in einer Umwelt, in der weitaus nicht mehr jeder einer Kirche angehört, beim Ankreuzen von Namen bei der Landesvorstandswahl jemand plötzlich zu mir sagte: „Hören Sie auf, Katholiken anzukreuzen.“ Ich guckte den Mann vollkommen erschrocken an, weil ich mir noch nie darüber Gedanken gemacht hatte, ob es sich bei den zur Wahl stehenden um katholische oder evangelische Christen handelt. Mir lacht hier aus der 3. Reihe Rainer Prachtl, einer der gemeinten Katholiken, aus Mecklenburg-Vorpommern entgegen. Er ist unser ehemaliger Landtagspräsident.

Es hatte sich im Zuge der Deutschen Einheit gezeigt, dass die Tatsache, dass die Strukturen der Katholischen Kirche immer noch einheitliche Strukturen waren, auch sehr starke Auswirkungen auf den Aufbau der Christlich Demokratischen Union nach der Wende in den neuen Ländern hatte. Aber ich sage auch, dass eine Organisation wie der Evangelische Arbeitskreis seine stille Faszination auf eine ganz eigenwillige Art und Weise auch in den neuen Bundesländern entfaltet hat. Jochen Borchert hat über die zehnjährige Feier in Thüringen erzählt. Ich persönlich habe oft erlebt, dass in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gerade zu Veranstaltungen des Evangelischen Arbeitskreises hunderte von Menschen kommen, obwohl dies vorher überhaupt nicht erwartet wurde. Und das nicht mehr aus Gründen der Balance von katholischen und evangelischen Christen in unserer Partei, sondern aus der Sehnsucht nach grundsätzlichem Nachdenken. Vielleicht ist das eine gewagte Hypothese, aber manchmal habe ich heute den Eindruck, dass die Mitglieder der CDU, die katholischen Glaubens sind, uns, die Evangelischen, fast ein bisschen beneiden, dass wir so etwas wie den Evangelischen Arbeitskreis haben.

Und lieber Jochen Borchert, die Tatsache, dass bei den Veranstaltungen im Konrad-Adenauer-Haus niemals Mangel an Menschen, manchmal aber Mangel an Stühlen herrscht, dass die Themen, die zur Debatte stehen, die Menschen unglaublich interessieren, das zeigt, dass wir in einer Zeit leben, in der nicht Beliebigkeit gewünscht ist, sondern Bestimmtheit und die Frage nach grundsätzlichen Werten. Und dass es eine Organisation gibt, die sagt: „Wir wollen Traditionen bewahren, aber wir sind auch bereit in protestantischer Tradition quer zu denken“, und dass die verschiedenen Mitglieder und Charaktere in diesem Evangelischen Arbeitskreis sich vertragen und im Spannungsfeld interessante Diskussionen führen, das halte ich für eine der großen Leistungen des Evangelischen Arbeitskreises.

Bei jeder politischen Entscheidung schwingen ja die Fragen mit: Wie verstehen wir unsere Bundesrepublik Deutschland? Was sind unsere Grundlagen? Und liebe Gäste, ich habe mir viele Gedanken gemacht über das Motto, was Sie sich hier gegeben haben: „1952 - Unsere politische Verantwortung in einem geteilten Deutschland“ – so weit, so gut – aber „2002 – Unsere politische Verantwortung für ein geeintes Deutschland“. Na ja, ich vermute mal in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern würde man schreiben: Unsere politische Verantwortung in einem geeinten Deutschland, aber vielleicht ist das Thema, das wir miteinander in den nächsten Jahren zu besprechen haben, ja mindestens dies: Was ist die politische Verantwortung Deutschlands nach der deutschen Einigung? Was ist die politische Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland in Europa, wie es Helmut Kohl gesagt hat, eines geeinten Deutschlands in der Welt. Was ist unser Selbstverständnis? Was leitet uns? Was bringt uns voran, und was wollen wir politisch für die Menschen in diesem Lande erreichen?

Wir brauchen Maßstäbe, und da ist mit Sicherheit der Begriff der Leistung, dessen was wir können, was in uns steckt, einer, der uns wieder mehr leiten muss. Dieser Begriff hat viele nach dem 2. Weltkrieg geleitet. Wenn damals Leistung etwas gewesen wäre, was als schrecklich, inhuman, unsozial gegolten hätte, dann hätte man wohl die Aufbauleistung in der Bundesrepublik Deutschland nicht geschafft. Zu unserem Menschenbild gehört, dass wir dem einzelnen Menschen etwas zutrauen. Freiheit ist kein Selbstzweck. Freiheit wird im Wesentlichen nicht als Freiheit von etwas definiert, sondern Freiheit ist in unserem Verständnis eine Freiheit, die den Menschen zu etwas befähigt. Freiheit ist niemals denkbar als eine Freiheit, die nur auf den einzelnen bezogen ist, sondern immer als das Verständnis des Menschen, der anderen Menschen zugewandt ist. Insofern müssen wir darüber sprechen, wie wir jenseits eines kalten Pragmatismus im 21. Jahrhundert unser Land gestalten wollen. Wir müssen uns auf unsere Werteordnung besinnen, aber nicht im Abstrakten, sondern eben in täglichen ganz konkreten Fragestellungen. Vielleicht ist für die Christlich Demokratische Union, und da bitte ich den Evangelischen Arbeitskreis auch ein ständiger Mahner zu sein, das aller wichtigste, dass unsere theoretischen Wertevorstellungen und unsere praktischen Handlungen nicht auseinander fallen. Das ist die Aufgabe derer, die politisch tätig sind.

Und Werte konkret im politischen Alltag zu leben, das ist oft gar nicht so einfach. Mir ist dies immer wieder bei unseren Gesprächen über die Familie aufgefallen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Familie im 21. Jahrhundert trotz aller Individualisierung genauso wichtig, fundamental, und konstitutiv für unsere Gesellschaft ist, wie sie das in den vergangenen Jahrhunderten war. Aber machen wir uns nichts vor, die Wahrnehmung vieler Menschen ist, dass dennoch die Entscheidung für eine Familie, für Kinder, eine Entscheidung ist, die die Gefahr mit sich bringt, nicht an der Wohlstandsentwicklung, nicht an den gesellschaftlichen Möglichkeiten im gleichen Maße teilhaben zu können, wie dies andere tun. Nun weiß ich sehr wohl, dass Familie nicht auf Geld zu reduzieren ist, darum soll es auch nicht gehen. Aber, wenn es bei Konrad Adenauer und Ludwig Erhardt um Wohlstand für alle ging, dann waren die Familien mit Sicherheit nicht von vornherein ausgeschlossen. Bei der Gestaltung des Rentensystems Ende der 50er Jahre hat sich in ähnlich dramatischen Debatten wie heute die Frage gestellt, wie man Kinder in der Rentenversicherung berücksichtigt. Adenauer hat sich wahrscheinlich nicht oft geirrt, aber in der Annahme, dass die Menschen Kinder schon von alleine bekommen, da hat er sich offensichtlich geirrt. Denn er hat damals gesagt: „Kinder kriegen die Leute von alleine und deshalb brauchen wir in der Rente Kinder nicht zu berücksichtigen.“

Heute stehen wir vor der Aufgabe, unsere Gesellschaft menschlich zu erhalten, und da wird in den nächsten zehn, zwanzig Jahren mit Sicherheit einer der wesentlichen Schwerpunkte auch auf der praktischen Ausgestaltung der Familienpolitik liegen. Und dazu wird das Thema Familiengeld genauso gehören wie das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auch ein Thema, das zu besprechen uns miteinander nicht immer leicht fällt. Denn auch da zeigt sich das gesamte Spannungsverhältnis der Union. Unser Menschenbild hat uns immer gesagt: Wir schreiben den Menschen nicht vor, wie sie leben sollen. Für uns ist eine Frau nicht etwa nur gleichberechtigt, wenn sie im Erwerbsleben steht – aber Wahlfreiheit heisst eben auch, wenn sie sich für Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidet, dann müssen dafür auch die Möglichkeiten gegeben sein.

Meine Damen und Herren, ein nächster Punkt, bei dem der Evangelische Arbeitskreis immer gefordert sein wird, ist das Thema Bildung. Roman Herzog hat uns vor Jahren gesagt, dass wir uns ein bisschen bewegen sollen. Er hat das mit dem schönen Wort des Rucks beschrieben. Meine Damen und Herren, Bildung wird immer auch Vielfalt bedeuten. Bildung wird immer angepasst sein müssen an das, was die Menschen können und was die Menschen wollen. Unser Verständnis vom Menschen bedeutet, das wir froh darüber sind, dass die Menschen unterschiedlich sind, dass sie unterschiedlich geschaffen sind, und wir haben nie den Anspruch erhoben, sie durch möglichst langes Zusammenpferchen gleich zu machen. Wir wollen, dass jeder Mensch in dieser Gesellschaft seine Fähigkeiten und Fertigkeiten möglichst weitläufig leben kann. Und dazu brauchen wir ein Bildungssystem, das diese Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt und nicht einengt. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hat der junge Ministerpräsident Helmut Kohl einen großen Beitrag dazu geleistet, dass außer Konfessionsschulen auch noch andere Schulen möglich waren. Heute stellt sich die Aufgabe ganz anders herum. In Berlin muss man darauf achten, dass private Schulen überhaupt noch möglich sind, wenn die Kommunisten wieder ihre Hand im Spiel haben und das Bildungssystem gleichschalten wollen.

Liebe Freunde, ein dritter Punkt, das ist der Punkt, der sich mit den Grenzen des Lebens beschäftigt. Ein Punkt, an dem der Evangelische Arbeitskreis als Mahner, als Sachwalter des Lebens in den vergangenen Monaten eine ganz herausragende Rolle gespielt hat. Ein Punkt, in dem es erfreulicherweise eine sehr enge Übereinstimmung zwischen der Evangelischen Kirche und dem Evangelischem Arbeitskreis gibt, eine Tatsache, die Anfang der 90er Jahre im Zusammenhang mit der Diskussion über den Paragraphen 218 so zehn Jahre später gar nicht erwartet werden konnte. Man sieht daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir alle nachdenken, immer wieder unsere Überzeugungen auf den Prüfstand stellen.

Die Tatsache, dass die wissenschaftlichen Möglichkeiten uns heute am Anfang und am Ende des Lebens unglaubliche Möglichkeiten des Eingreifens geben, diese Tatsache stellt uns vor die vollkommen neue Aufgabe, Grenzen zu setzen. Grenzen zu setzen in der Frage: Was dürfen wir? Was dürfen wir nicht?

Wir dürfen mit Sicherheit nicht alles, was wir können. Aber können im protestantischen Sinne verstanden ist sicherlich auch immer können im Sinne von verantworten können. Und insofern ist es immer eine Frage der Verantwortung, und wenn ich anknüpfe an die Worte von Konrad Adenauer, die Herr Breuer hier genannt hat, das Verhältnis vom Diesseits zum Jenseits, so wird es im Umgang mit dem Anfang und dem Ende des Lebens immer auch Respekt und Klarheit darüber geben, dass uns bestimmte Grenzen gesetzt sind, uns, dem einzelnen Menschen, der damit verantwortlich umgehen muss. Aber wir haben auch erlebt, dass selbst diese Diskussion bei gleichem Grundverständnis uns nicht immer zu den gleichen Antworten bringt. Und deshalb bin ich, das will ich ganz ausdrücklich sagen, ausgesprochen dankbar, in welchem gegenseitigen Respekt wir die Debatte über die Bioethik in den letzten Wochen und Monaten geführt haben. Diese Debatte wird uns in den nächsten Jahren weiter begleiten. Uns wird die Debatte um das Umgehen mit dem Tod, mit dem Sterben, begleiten, und, lieber Jochen Borchert, nehmen Sie diese Herausforderung mit Ihren Mitstreitern im Evangelischen Arbeitskreis weiter so an.

Liebe Freunde, meine Damen und Herren, die drei Themen wären beliebig zu ergänzen, zum Beispiel um die Frage, was soziale Marktwirtschaft in einer globalen Welt bedeutet. Sie wären auch um das Thema, das Jürgen Rüttgers angesprochen hat, zu ergänzen: Was bedeutet das Leben von Christen im Zusammenleben mit Menschen anderer Religionen? Was heisst Integration? Ich wünsche mir, dass wir als Christlich Demokratische Union in all diesen Feldern Motor sind. Motor einer Debatte, die diese Bundesrepublik Deutschland als ein aufgeschlossenes Land, als ein freundschaftlich offenes Land, aber auch als ein stolzes Land in Europa und in der Welt darstellt. Und ich bin mir ganz sicher, dass wenn die Christlich Demokratische Union die Kraft dazu aufbringen will, dass sie dann das Wort der katholischen Christen ebenso braucht, wie das der evangelischen Christen. Ich bin mir sicher, dass das eigene Wort in einer Welt, in der noch nicht alle Antworten gefunden sind, genauso viel Mut erfordert, wie das in den 50er, 60er und 70er Jahren der Fall war. Im Evangelischen Arbeitskreis waren immer mutige Menschen, und deshalb wünsche ich dem Evangelischen Arbeitskreis den Mut zum offenen Wort, die Freude an der Arbeit, aber auch die Lust am Feiern und noch viele Veranstaltungen, bei denen Sie nicht wieder Gäste ausladen müssen, sondern bei denen alle Gäste willkommen sein können. Die Tatsache, dass Sie welche ausladen mussten, spricht für die Attraktivität des Evangelischen Arbeitskreises, und so soll es bleiben.

 Herzlichen Dank.