Grußwort des Alt-Bundeskanzlers, Dr. Helmut Kohl
Lieber Roman Herzog,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
liebe Frau Merkel,
lieber Herr Borchert,
meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrte Gäste,
und vor allem liebe Freunde aus der Union und aus dem Evangelischen Arbeitskreis,

dies ist ein wichtiger Tag in der Geschichte unserer Partei. Es ist einer jener Tage, an dem man inne halten kann und einen Moment zurückblickt, weil man nur aus diesem Rückblick den gegenwärtigen Standort bestimmen kann und die Zukunft erkennt.

Der Arbeitskreis feiert seinen 50. Geburtstag. Das hört sich so einfach an. Aber was sind das für 50 Jahre, die wir gemeinsam gegangen sind? Für mich ist dies ein Besuch des Wiedersehens. Ich durfte an vielen Tagungen des EAK teilnehmen, auch vor 25 Jahren hier in Siegen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie damals Gerhard Schröder - „unser Gerhard Schröder, meine Damen und Herren - die Jubiläumsveranstaltung eröffnete. Schon das erste Jubiläum war ein Grund zum dankbaren Rückblick. Die heutige Veranstaltung ist es noch viel mehr.

In all den Jahrzehnten haben viele ihren Beitrag für den Evangelischen Arbeitskreis geleistet. Ich spreche jetzt nicht nur von einzelnen Persönlichkeiten, sondern von den vielen in den Ortsverbänden, den Kreisverbänden und den Landesverbänden. Sie sind oft in einer ganz unprätentiösen Weise für die Ziele unserer Arbeit eingetreten.

Heute feiern wir den Gründungstag im wiedervereinten Deutschland. 1952 lautete das Tagungsmotto noch: „Unsere politische Verantwortung in einem geteilten Deutschland“. Diesmal schreiben wir: „Unsere politische Verantwortung für ein geeintes Europa“. Dafür haben wir in den letzten Jahrzehnten hart gearbeitet. Das war nicht einfach. Aber wir haben Recht behalten mit unserer Politik! Wir haben nicht nur eigene Leistungen erbracht. Das war vielleicht das Wenigste. Wir haben auch Glück und Gottes Hilfe auf diesem Weg erfahren. Dass die CDU und der EAK ihre Bundesgeschäftsstellen jetzt in Berlin haben, wo Mauern und Stacheldraht die Menschen nicht mehr trennen, erfüllt mich das mit großer Freude. Und dass ich jetzt mein Büro Unter den Linden habe, ist für mich die Vollendung eines Traumes. Ich weiß vielen unter uns ergeht es ähnlich.

Und ein weiterer Traum ist Wirklichkeit geworden: Seit ein paar Wochen, liebe Freunde, seit dem 1. Januar 2002, haben wir in Europa eine gemeinsame Währung. Die Einführung des Euros ist einer der bedeutendsten Marksteine in der Geschichte der Europäischen Union. Auch hier hat sich gezeigt: Die Visionäre haben sich als die wahren Realisten erwiesen. Dass Adenauer und Churchill, Schuman und Monnet, um nur wenige zu nennen, die richtige Richtung vorgaben, und dass wir, ich sage es noch einmal, mit Gottes Hilfe diesen Weg weitergehen durften, ist ein großartiges und wunderbares Ereignis. Das alles war überhaupt nicht selbstverständlich. Und die Geschichte hat uns diesen Weg nicht zwangsläufig vorgegeben.

Nach 1945 fanden sich Katholiken und Evangelische zusammen, die aus der gemeinsamen Erfahrung der ausgehenden Weimarer Republik, der Verfolgung im Dritten Reich und des Zweiten Weltkrieges einen politischen Neuanfang wagten. Sie ließen sich bei diesem Neubeginn vom christlichen Menschenbild leiten. Das war die Voraussetzung für eine soziale und eine freiheitliche Demokratie.

Da ja derzeit eine Menge Geschichtsfälscher unterwegs sind, sei an den Gründungsaufruf der Christlich Demokratischen Union Deutschlands vom 26.Juni.1945 erinnert: Er war der erste offizielle Aufruf, das erste Dokument des Reichsverbandes der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, wie die CDU damals hieß. Andreas Hermes war zum 1. Vorsitzenden gewählt worden, ein Minister aus der Regierung Heinrich Brünings. Er war ein Mann, der noch einen Tag, bevor Roland Freisler von einer Bombe getroffen wurde, zum Tode verurteilt worden war, Monate in einem Gefängnis saß, aber durch die Kriegswirren freikam. Es ist wichtig, sich das in Erinnerung zu rufen. Denn es zeigt, wie abwegig einige Urteile über die ausgehende Weimarer Republik sind, die in Unkenntnis oder böser Absicht in die Welt gesetzt werden.

Ich zitiere aus dem Gründungsaufruf, verfasst also fünf Wochen nach der Kapitulation des Dritten Reichs:

„Aus dem Chaos von Schuld und Schande, in das uns die Vergottung eines verbrecherischen Abenteurers gestürzt hat, kann eine Ordnung in demokratischer Freiheit nur entstehen, wenn wir uns auf die Kultur gestaltenden, sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums besinnen und diese Kraftquelle unserem Volk immer mehr erschließen“

Von den 35 Unterzeichnern des Dokumentes kamen zwei Drittel aus Gefängnissen und Konzentrationslagern. Diese bittere Erfahrung der Jahrzehnte zuvor, und hier schließe ich auch die Zeit der Weimarer Republik ein, führte Männer und Frauen aus den Kirchen zusammen.

Der Name „Christlich Demokratische Union“ wurde bewusst gewählt, um eine klare Wertorientierung am christlichen Menschenbild zum Ausdruck zu bringen. Dieses „C“ - und das muss man immer wieder sagen, weil oft anderes verbreitet wird - ist immer als Maßstab für das eigene Tun und nie als Ausschließlichkeitsanspruch gegenüber anderen verstanden worden. Doch wer lange genug in der Verantwortung war – wie auch ich -, weiß sehr genau, dass wir diesem hohen Anspruch nicht immer genügen.

Es war auch das Ziel des EAK, die Bürger evangelischen Glaubens in besonderer Weise anzusprechen. Hermann Ehlers, damals Bundestagspräsident und EAK-Bundesvorsitzender, wollte mit dem EAK der Stimme nicht zuletzt der evangelischen Christen in Politik und Gesellschaft ein stärkeres Gehör verschaffen. Ich glaube, man kann heute, 50 Jahre danach, sagen: Der EAK hat in fünf Jahrzehnten seines Bestehens in diesem Sinne die Wertmaßstäbe, nach denen er angetreten ist, immer wieder hochgehalten. Damit hat er unserer Partei und - ich sage das ohne Überheblichkeit - auch unserem Land einen großen Dienst erwiesen. Dieser Dienst war früher wichtig, und er ist heute ebenso unentbehrlich in einer Zeit zunehmender Säkularisierung. Die kirchlichen Bindungen schwinden deutlich. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, ohne dass Zahlen für sich allein schon etwas bedeuten.

In den 60er Jahren waren über 90% der Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Mitglied einer der beiden großen Kirchen, in der DDR waren es damals noch zwei Drittel. Heute ist der Anteil der Kirchenmitglieder in der Bevölkerung im wiedervereinten Deutschland auf 65% zurückgegangen. Angesichts dieser dramatischen Entwicklung ist nicht nur die Verkündigung der Kirchen schwieriger geworden. Auch die Aufgabenstellung des Evangelischen Arbeitskreises muss sich in dieser Zeit bewähren.

Bei den aktuellen Debatten über Klonen, Stammzellenimport oder Sterbehilfe merken wir, wie sehr wir mit unserem Urteilsvermögen an eine Grenze stoßen und wie sehr wir, man kann das nicht oft genug sagen, auf ethische Maßstäbe angewiesen sind, die sich nicht aus dem Zeitgeist herleiten.

Ich ermutige den Evangelischen Arbeitskreis sehr dazu, diese Auseinandersetzung zu führen, um vor allem mit dem Hinweis auf das christliche Menschenbild unsere Position zu finden, zu erneuern und kraftvoll zu vertreten.

Liebe Freunde, wir haben überhaupt keinen Grund zur Resignation. Und wir haben schon gar keinen Grund, die Fahne gegenüber dem Zeitgeist einzuziehen und uns mit unserer Grundüberzeugungen zu verstecken. Denn während andere Weltanschauungen wie Kommunismus und Sozialismus versagt haben, hat das Christentum nichts von seiner Wahrheit und seiner sinnstiftenden Kraft verloren.

Ich wünsche mir aus Anlass dieses Jubiläums: Helfen Sie mit, jeder nach seinen Möglichkeiten, dass unsere Wertordnung und die Prinzipien, nach denen wir uns leiten lassen, kraftvoll und ohne Ängstlichkeit im Alltag, wenn man dem Zeitgeist widerstreben muss, zu vertreten. Helfen Sie mit, dass das „C“, so wie wir es interpretieren, als Leitschnur und Orientierung in unserer Partei, in unserer Gesellschaft und in der Politik erhalten bleibt. Ich wünsche dem Evangelischen Arbeitskreis auf diesem Weg und damit uns allen Gottes Segen und viel Erfolg.