Grußwort des Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Manfred Kock
Dialog in der Spannung zwischen Neutralität und Partnerschaft -
Die evangelische Kirche im Verhältnis zum Evangelischen Arbeitskreis
der CDU /CSU

Grußwort bei der Feierstunde anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des
Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK)
am 16.3.2002 in Siegen


Sehr geehrter Herr Professor Herzog,
sehr geehrter Herr Dr. Kohl,
verehrte Frau Dr. Merkel,
lieber Herr Borchert,
meine Damen und Herren!
Zu Beginn einer neuen Legislaturperiode ist es für unseren Bevollmächtigten in Berlin bei manchen Abgeordneten schwierig, herauszufinden, ob sie zu seiner Bundestags-Gemeinde gehören. Gar nicht wenige lassen ihr Konfessionsmerkmal versehentlich oder mit Absicht unter den Tisch fallen. Aber jedenfalls steht eines fest: die evangelischen Mitglieder der Bundestagsfraktion der CDU/CSU haben diese Hemmungen nicht. Sie geben sich deutlich zu erkennen und identifizieren sich mit ihrer konfessionellen Herkunft.
Sich im Raum der Politik zu seiner Konfession zu bekennen, das ist heutzutage trotz aller Freiheit leider nicht selbstverständlich. Um so mehr danke ich Ihnen, meine Damen und Herren, dass Sie mit dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU seit 5 Jahrzehnten politisch engagierte Christinnen und Christen sammeln, die nicht nur im Blick auf ihre parteipolitische Zugehörigkeit, sondern auch im Blick auf ihre konfessionelle Identität Farbe bekennen.
 Nicht eine Farbe, sondern die bunte Vielfalt der protestantischen Herkünfte spiegelt sich auch in Ihren Reihen. Das ist auch so bei Christinnen und Christen in den anderen Parteien, aber in keiner Partei gibt es einen vergleichbaren Zusammenschluß und Zusammenhalt evangelischer Parteimitglieder, politischer Mandats- oder Amtsträger, wie dies in der CDU/CSU der Fall ist. Zu dieser evangelischen "Profilkante" kann ich Ihre Partei am 50. Jahrestag der Gründung des EAK nur beglückwünschen!
Über die historischen Gründe, die zur Bildung des EAK führten und über den Verlauf der Geschichte des Arbeitskreises werden heute andere berichten. Ich stelle nur fest:
Die Existenz des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU ist für viele Menschen in unserem Land ein Zeichen dafür, wie Christinnen und Christen versuchen, ihr parteipolitisches Engagement mit ihrem gelebten Glauben in Verbindung zu halten.
Das Verhältnis des Protestantismus zum politischen Engagement und zu politischen Parteien war nach den politischen Irrungen und Wirrungen der evangelischen Kirche im Dritten Reich und nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nicht unkompliziert.
Aktuelle Sorgen und Schwierigkeiten der Kirche seien gar nicht verschwiegen, so die im Osten stark geschwächte und im Westen immerhin abnehmende Resonanz der Verkündigung des Evangeliums und die, wenn auch neuerdings langsamere, so doch anhaltende Verringerung der Zahl der Kirchenmitglieder.
Evangelische Freiheit aus dem Glauben an Gottes Gnade zielt auf die Verantwortung für den Nächsten. Sie orientiert sich an dem Willen Gottes und an der biblischen Sicht vom Menschen und setzt insofern auch immer einen kritischen Akzent gegenüber parteipolitischem Kalkül.
 Evangelisch – das heißt: die Botschaft von der Gnade Gottes befreit zum dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen, auch in der Politik, die ja manchmal ein undankbares Aufgabenfeld sein kann. Wer nur seinem Gewissen verpflichtet ist, findet sich schnell in einem Spannungsfeld vor, das die Grenzen seiner Möglichkeiten markiert. Nun gilt es, Politik als die Kunst des Möglichen mit einer anderen Kunst zu verbinden: der Freiheit eines Christenmenschen, der niemandem untertan ist und niemandes Knecht und der doch zugleich, jedermann untertan und jedermanns Diener sei, wie Luther treffend gesagt hat.

Dieses von der Rechtfertigung geprägte christliche Menschenbild haben wir Evangelischen als unverwechselbares Angebot in die Politik einzubringen, gerade in einer Zeit, in der angesichts komplexer politischer Entscheidungen der Ruf nach ethischen Grundlagen laut wird. Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe den Eindruck, daß der Evangelische Arbeitskreis diese Fragen deutlich stellt und dazu hilft, daß sie in der Gesellschaft intensiver diskutiert werden. Dafür bin ich sehr dankbar.
 Die Bedeutung der in der Gottesebenbildlichkeit begründeten Menschenwürde ist deutlicher denn je herauszustellen. Wo Flüchtlinge und andere Ausländer angefeindet und in der Konsequenz feindseliger Propaganda sogar gewalttätig angegriffen werden, geht es um diese Grundlagen wie sie zum Beispiel das 1997 erarbeitete gemeinsame Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht benennt: „Für Christen sind Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ... die Verneinung der Gottesebenbildlichkeit eines jeden Menschen.“
Vergleichbares gilt auch für die Forderung des Lebensschutzes, zu dem neben dem strafrechtlichen Schutz vorgeburtlichen Lebens immer stärker heute der Umgang mit den sehr frühen Formen des menschlichen Lebens und die Frage nach dem Sterben in Würde treten.
Darum begrüßen wir weiterhin eine partnerschaftliche Aufgeschlossenheit der Parteien gegenüber der Kirche, wie sie der EAK vermittelt. Aufgeschlossenheit von beiden Seiten - mehr braucht es nicht zu sein, aber es sollte auch nicht weniger sein.
er ist denn je. Durch Ihre Mitarbeit im Evangelischen Arbeitskreis bringen Sie, meine Damen und Herren, zum Ausdruck, dass die Arbeit in politischen Ämtern unter dem Zuspruch des Evangeliums steht. Dafür danke ich Ihnen im Namen des Rates der EKD und wünschen Ihnen - ad multos annos - Gottes Segen.