Evangelischer Arbeitskreis der CDU in Hessen

Gerber und Poseck sprechen über gesellschaftlichen Wandel

Fulda (sk) – Der Evangelische Arbeitskreis (EAK) der CDU Hessen hatte im Rahmen seiner Landesversammlung während des Hessentags am Samstag zu einem Podiumsgespräch mit Bischof Dr. Michael Gerber und dem Hessischen Staatsminister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz Prof. Dr. Roman Poseck zum Thema „Gesellschaftlicher Wandel – Herausforderungen für Politik, Kirche und Gesellschaft“, eingeladen.

Von links: Bischof Dr. Michael Gerber, Axel Wintermeyer und Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck. Foto: Stefan KrugVon links: Bischof Dr. Michael Gerber, Axel Wintermeyer und Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck. Foto: Stefan Krug

Im katholischen Gemeindezentrum St. Sturmius moderierte der Landesvorsitzende Axel Wintermeyer, MdL und Staatsminister a.D., ein angeregtes und hochkarätiges Gespräch, in dem aus verschiedenen Perspektiven gesellschaftliche Veränderungen in Zeiten einer immer heterogener werdenden Gesellschaft, die sich multiplen Herausforderungen gegenübersieht, beleuchtet wurden. In der heutigen Zeit, in der, wie Wintermeyer schon in seinen einleitenden Worten hervorhob, bei einer unsicherer werdenden geopolitischen Lage, die geprägt ist von Umwälzungen durch künstliche Intelligenz sowie dem Aufstreben autoritärer Bewegungen, sollte auch ein Blick darauf geworfen werden, welche Rolle die Kirche in diesen Prozessen einnehmen und wie dabei die Ökumene einen positiven Unterschied machen kann. 

Nachdem Wintermeyer den Bischof auf die rückläufigen Mitgliederzahlen der Kirche, und auch der politischen Parteien der Mitte, angesprochen hatte, gab Gerber ein starkes Bekenntnis zur ökumenischen Bewegung ab. Er selbst habe, ebenso wie die fast zeitgleich ins Amt gekommene Beate Hofmann, Bischöfin der evangelischen Landeskirche, in einer fast dauerhaften Krisenzeit mit Corona, Kriegen und den Veränderungen durch KI und stärker werdenden autokratischen Parteien und Regimen, begonnen. Für beide Kirche zeigten sich heute schon Grenzen beispielsweise bei der Klinikseelsorge und besonders auch bei Gebäuden. Exemplarisch verwies er auf den Frauenberg: „Die Franziskaner können es nicht mehr – und wir als Bistum können es auch nicht.“ Produktiv sei die Zusammenarbeit der evangelischen Kirchen während des Hessentags gewesen – noch bei der Landesgartenschau habe es diese so nicht gegeben: „Wir haben gelernt. Sind als Kirche aufeinander zugegangen.“ Mit der Ökumene reagiere die Kirche auf ein gesellschaftliches Bedürfnis. Er habe viele positive Rückmeldungen darauf erhalten, „dass wir bei allen Unterschieden emotional zueinanderstehen”. Bischof Gerber wünschte sich, das Hessentagsmotto „Im Herzen eins“ solle noch lange tragen.

Zum Thema KI meinte Gerber, es sei wichtig, sich neuen Technologien zu stellen. Er selbst nutze auch KI und sehe darin viel Gutes. Er schränkte allerdings ein: „Wenn wir sie in der falschen Weise zur Optimierung des Menschen einsetzen, macht das viel kaputt.” Innenminister Poseck sah das ähnlich: „KI ist Fluch und Segen zugleich. Wir werden das Rad nicht zurückdrehen.” Zum Einsatz sagte Poseck: „Natürlich wollen wir keine chinesischen Verhältnisse.“ Ungeachtet dessen sprach er sich dafür aus, KI verstärkt in den Sicherheitsbehörden, beispielsweise zur Überwachung an Bahnhöfen, einzusetzen: „Ich glaube, die Menschen haben mehr Angst vor Verbrechen als vor Sicherheitsbehörden.“ KI könne bei der Personenerkennung „richtig viel“, könne aber Menschen nicht ersetzen: „Entscheidungen müssen in menschlicher Hand bleiben“, so Poseck.

Auf die provokante Frage von Wintermeyer, ob Menschen durch KI verlernen zu denken, warnte Poseck vor zu viel Vertrauen: „KI macht auch Fehler und hilft bei Manipulationen.“ Er habe die Hoffnung auf eine Welt mit regelbasierten Werten noch nicht aufgegeben. Die Frage sei, wer erfolgreicher sei in Zukunft – Gesellschaften mit einer regelbasierten Werteordnung oder solche, die alle technischen Möglichkeiten einsetzen. Er selbst habe darauf noch keine Antwort. Auch Bischof Gerber wies darauf hin, dass KI nicht denke: „Denken meint kritische Reflektion. Demokratische Gesellschaft braucht eine kritische Masse an Menschen, die Komplexität erkennen und damit auch umgehen können.“

Angesichts einer Welt im „Krisenmodus“ – Wintermeyer nannte Corona, Migration und auch den Klimawandel und das Erstarken autokratischer Parteien – handelte der letzte Diskussionsblock davon, wie Menschen wieder für eine demokratische Gesellschaft der Mitte gewonnen werden können. Gerade vor dem Hintergrund seiner eigenen Krise durch die Krebserkrankung vor ziemlich genau einem Jahr plädierte Gerber für eine Definition des Menschen nicht nur über Leistung: „Dafür stehen wir Christen. Wir glauben, Selbstverwirklichung geschieht durch Hinwendung zum anderen.“ Nicht nur, aber besonders in der Jugendarbeit, sei hier die Kirche gefordert. Wer erlebt habe, wie Menschen sich füreinander einsetzen, neige weniger zu populistischen Thesen. Auch Poseck sah eine Verunsicherung durch „Corona, kriegerische Auseinandersetzungen und auch Migration.“ Dadurch sei ein Nährboden für Populisten entstanden, die einfache Lösungen anbieten würden. Er warnte davor, nur auf den Rechtsextremismus zu blicken: „Der Linksextremismus ist radikaler und brutaler geworden. Ausländische Staaten, vor allem Russland, bekämpfen uns. Der Islamismus ist gegen unsere Werte und unsere Freiheit – nicht zu vergessen islamistische Einzeltäter wie in Solingen.“. Daher sei es wichtig, de Extremismus nicht gegeneinander auszuspielen: „Es gibt keinen guten Extremismus. Der Linksextremismus ist genauso eine reale Gefahr, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss.“

Gerade zum Hessentag hatte Innenminister Poseck dann auch eine gute Nachricht. Bei rund 900.000 Besuchern gab es in den ersten acht Tagen nur ungefähr 20 Strafanzeigen – und die ohne schwere Kriminalität. Die oftmals gefühlte Bedrohungslage ist also größer, als die reale Gefahr, Opfer eines Verbrechens zu werden.